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Richard Hin­richs – Nicht kon­form mit der Norm

Text und Fotos: Ana Spring­feldt

Schuld war nur Velas­quez. Der Hof­ma­ler des spa­ni­schen Königs Phil­ipp, der 1599 gebo­ren wur­de, mal­te wun­der­schö­ne Bil­der der spa­ni­schen Königs­pfer­de. „Genau sol­che Pfer­de woll­te ich eines Tages rei­ten“, erin­nert sich Richard Hin­richs, Jurist und Regie­rungs­di­rek­tor, der inzwi­schen full time mit Pfer­den arbei­tet, an sei­ne ers­te Begeg­nung mit baro­cker Kunst auf der Lein­wand und auf vier Bei­nen. „Sie hat­ten so schö­ne Augen.“

Die liebe zu Pferden prägte sich in seiner Kindheit

Für den klei­nen Richard, der im Eltern­haus nicht nur mit schö­nen Küns­ten, son­dern weit­aus mehr mit der klas­si­schen Reit­kunst auf­wuchs, war das Ziel damit klar. Bei­de Eltern waren Schü­ler von Lud­wig Zei­ner, Berei­ter an der Spa­ni­schen Hof­reit­schu­le. Sie genos­sen das Pri­vi­leg, regel­mä­ßig dort zu rei­ten, wobei die Hof­reit­schu­le damals wegen der Nach­kriegs-Eva­ku­ie­rung in Wels, Ober­ös­ter­reich ansäs­sig war. Auch im hei­mat­li­chen Stall in Wede­mark bei Han­no­ver, wo heu­te noch die inzwi­schen ver­grö­ßer­te Reit­hal­le steht, leb­ten sie die Reit­kunst. „Der ers­te Weg mei­ner Mut­ter nach mei­ner Geburt führ­te sie, mit mir auf dem Arm, direkt zu unse­ren Pfer­den“, erzählt Richard Hin­richs. Der Duft die­ser Tie­re und das wei­che Fell ihrer Nüs­tern präg­ten ihn von klein auf.

Da ist es nicht erstaun­lich, dass Klein-Richard im Kin­der­wa­gen schnalz­te, wenn die Eltern rit­ten. Spä­ter, mit drei Jah­ren, durf­te er mit Vaters Unter­stüt­zung schon mal die Lon­ge füh­ren. Ent­schei­dend aber wur­de ein Erleb­nis. Als er vier Jah­re alt war, setz­te ihn der Vater auf eine Lipiz­za­ner­stu­te. „Am Führ­zü­gel. Ich spü­re noch sei­ne Hand, die zur Sicher­heit in mei­nen Man­tel griff. Die Stu­te piaf­fier­te mit mir, setz­te zur Leva­de an und führ­te mit mir die idea­le Leva­de aus. Die­ses Gefühl habe ich in dem Moment für alle Zei­ten gespei­chert.“ Es war die­ses Gefühl in die­sem beson­de­ren Augen­blick, das Richard Hin­richs Antrieb wur­de: „Genau das woll­te ich wie­der füh­len.“ 30 Jah­re dau­er­te es noch, bis er selbst ein Pferd zu die­ser idea­len Leva­de aus­ge­bil­det hat­te.

Richard sah den Eltern beim Rei­ten zu und erhielt Unter­richt beim Vater, den er sich schwer ver­die­nen muss­te. „Für eine Eins in der Schu­le gab es zwei Reit­stun­den, für eine Zwei eine Reit­stun­de und für schwä­che­re Leis­tun­gen Reit­ver­bot“, erin­nert sich Hin­richs. Letz­te­res gab es durch­aus öfter, so dass Rei­ten für ihn stets etwas ganz Beson­de­res, nur mit viel Ein­satz Erreich­ba­res blieb.

Umso selbst­ver­ständ­li­cher war es für Hin­richs, sich im Sat­tel Mühe zu geben. Das bedeu­te­te vor allem: mit feins­ten Hil­fen zu rei­ten. „Ich kann­te es nicht anders“, erklärt er. Dass es durch­aus auch anders geht, sah er als klei­ner Jun­ge auf Reit­tur­nie­ren. „Papa, soll das etwa eine Piaf­fe sein?“, rief Richard dann schon mal vor­laut über den Tur­nier­platz. Kin­der­mund tut Wahr­heit kund, dem Vater war es ver­mut­lich leicht unan­ge­nehm – auch wenn er stolz dar­auf sein konn­te, wie gut sein Sohn die klas­si­sche Reit­kunst ver­stan­den hat­te.

Kulturschock im Karlsruher Reitinstitut

Mit 14 Jah­ren schick­ten die Eltern ihn zu Wer­ner Stemm­we­del nach Über­lin­gen an den Boden­see. Stemm­we­del, zuvor Uni­ver­si­täts-Reit­leh­rer in Göt­tin­gen, war erfolg­rei­cher Spring­rei­ter und lehr­te eine ent­spre­chend viel­sei­ti­ge Grund­aus­bil­dung. Begie­rig saug­te der Jun­ge das Wis­sen des Lehr­meis­ters auf, führ­te aus eige­nen Stü­cken akri­bisch eine Klad­de, ein Berichts­heft über das täg­lich Gelern­te. „Wer­ner Stemm­we­del hat es unter­schrie­ben“, erzählt Richard Hin­richs stolz, „das war für mich Moti­va­ti­on wei­ter­zu­ma­chen.“

Nach Stemm­we­del folg­te Baron Egon von Nein­dorff, zu dem der Vater ihn mit 15 Jah­ren ins Karls­ru­her Reit­in­sti­tut schick­te. Hier ereil­te den jun­gen Rei­ter zunächst eine Art Kul­tur­schock. „Zuhau­se habe ich mir nie Gedan­ken dar­um gemacht, ein Pferd an den Zügel zu rei­ten. Die Pfer­de gin­gen ein­fach locker durch das Genick, es war eine Selbst­ver­ständ­lich­keit.“ Ganz anders im Nein­dorff-Insti­tut.

Es gelang Richard Hin­richs anfangs nicht, die­se Pfer­de am Zügel zu rei­ten, sie lie­ßen ihn schlicht­weg ver­hun­gern. Zunächst frus­trie­rend, wur­de dies zu einer bedeu­ten­den Erfah­rung für sei­nen wei­te­ren Weg. „In Karls­ru­he lern­te ich, fast jedes Pferd an den Zügel, durchs Genick zu rei­ten. Und genau das ist es doch, was von einem Trai­ner erwar­tet wird.“ Das ist es auch, was Richard Hin­richs den Anwär­tern in der Aus­bil­dung zum Trai­ner FN Klas­sisch-Barock pre­digt. Ein Trai­ner muss vor­ma­chen kön­nen, was er lehrt. Auf jedem Pferd.

Auch in Karls­ru­he gin­gen die Pfer­de natür­lich sofort durch Genick, wenn von Nein­dorff in den Sat­tel stieg. Richard Hin­richs ver­brach­te alle Schul­fe­ri­en in Karls­ru­he. Spä­ter als Stu­dent ritt er bei den Ver­an­stal­tun­gen mit. Nur das alte Berichts­heft blieb leer. Die Inspi­ra­ti­on war eine ande­re als bei Meis­ter Stemm­we­del, der Spring­rei­ter war. In der Spring­aus­bil­dung lern­te Richard Hin­richs das Gefühl für Takt und Rhyt­mus. In Karls­ru­he ging es um klas­si­sche Dres­sur. Dafür lern­te Richard Hin­richs am Insti­tut in Karls­ru­he die berühm­te Ille Fri­bo­lin ken­nen, die allen Nein­dorff-Schü­lern in bes­ter Erin­ne­rung blieb. „Fräu­lein Fri­bo­lin zu beob­ach­ten, wenn sie ihre Stu­te Musi­ca ritt, war für mich fas­zi­nie­rend“, erin­nert sich auch Hin­richs. Jeden Abend fand er sich ein, um durch kon­zen­trier­tes Beob­ach­ten zu ler­nen. Spä­ter ergab sich dar­aus die gro­ße Chan­ce, bei Fräu­lein Fri­bo­lin auf Stu­te Musi­ca Unter­richt zu bekom­men, als die bei­den Damen in der Hei­de Urlaub mach­te.

Alle Spitzenreiter haben etwas, was sie anders machen, als andere

Wäh­rend des Jura – Stu­di­ums in Wien such­te Richard Hin­richs den Kon­takt zu Arthur Kottas-Hel­den­berg, dem spä­te­ren Ers­ten Ober­be­rei­ter der Spa­ni­schen Hof­reit­schu­le. „Ich woll­te vom Bes­ten ler­nen“, stellt er klar. Vor den Vor­le­sun­gen an der Uni­ver­si­tät Wien, in der Mit­tags­pau­se und abends. Immer war Richard Hin­richs in Kottas’ Nähe, ver­such­te sich nütz­lich zu machen, um im Gegen­zug etwas zu ler­nen. Kottas bil­de­te, wie bei den Wie­nern üblich, neben der Tätig­keit in der Hof­reit­schu­le auch Pri­vat­pfer­de aus. Als sich die Chan­ce bot, ein beson­ders „fes­tes“ Exem­plar zu rei­ten, konn­te Hin­richs nut­zen, was er bei von Nein­dorff gelernt hat­te. „Ich bekam das Pferd in kur­zer Zeit locker.“ Die­ser Auf­tritt ver­deut­lich­te Kottas das Talent sei­nes Schü­lers, aus der Zusam­men­ar­beit wur­de eine Freund­schaft, die bis heu­te hält.

Und bis zum heu­ti­gen Tag sucht Richard Hin­richs mit Begeis­te­rung Mög­lich­kei­ten, gro­ße Rei­ter zu beob­ach­ten: „Alle Spit­zen­rei­ter haben etwas, was sie anders machen, als ande­re. Nicht kon­form mit der Norm.” Richard Hin­richs hat fest­ge­stellt, dass ein Spit­zen­rei­ter des­we­gen Spit­ze ist, weil er in irgend einem Punkt etwas macht, das ihn von der brei­ten Mas­se unter­schei­det. „Jeden Spit­zen­rei­ter zeich­net eine beson­de­re Qua­li­tät aus”, erläu­tert Hin­richs sei­ne Beob­ach­tung, „das kann ein Gefühl sein, Ver­stand oder eine spe­zi­el­le Übung.”

So ein Spit­zen­rei­ter und Mei­len­stein in Hin­richs rei­ter­li­cher Ent­wick­lung war auch der Tra­keh­ner­züch­ter und Aus­bil­der Erich Voigt. Voigt war ein Schü­ler des legen­dä­ren Reit­meis­ters Otto Lör­ke. „Und das spür­te man“, sagt Richard Hin­richs mit spür­ba­rer Ach­tung. „Mei­ne Pirou­et­ten waren Erich Voigt zu schnell. Ich ritt die­se, wie damals laut Regle­ment üblich, mit vier bis sechs Galopp­sprün­gen.“ De Lör­ke-Schü­ler hin­ge­gen zele­brier­te die Pirou­et­ten mit bis zu 20 Galopp­sprün­gen – nur eines von wei­te­ren Aha-Erleb­nis­sen, die der jun­ge Rechts­re­fe­ren­dar Hin­richs bei Voigt hat­te.

„Richard Voigt ritt über­wie­gend Tra­keh­ner. Die­se Pfer­de sind mit­un­ter der­art sen­si­bel, dass sie den Druck gleich­zei­ti­ger, wider­sprüch­li­cher Hil­fen nicht ver­tra­gen.“ Auf den Tra­keh­nern wur­de Hin­richs klar, war­um vie­le bedeu­ten­de Reit­meis­ter die sau­be­re Tren­nung gegen­sätz­li­cher Hil­fen for­dern. „Ver­gli­chen damit, ver­zei­hen Ibe­rer und Lipiz­za­ner dem Rei­ter eini­ges an Unge­reimt­hei­ten und ste­cken vie­les weg. Bei einem Tra­keh­ner kann das schnell schief­ge­hen.“

Die Zusam­men­ar­beit mit Erich Voigt und sei­nen fein­füh­li­gen Tra­keh­nern war es schließ­lich, die Richard Hin­richs dazu ver­an­lass­te, sein ers­tes Buch zu schrei­ben : „Pfer­de – Tän­zer an leich­ter Hand. Rei­ten mit unsicht­ba­ren Hil­fen.“ Eigent­lich war es die Idee sei­nes Vaters und Erich Voigts, ein Buch zu schrei­ben. „Aber die bei­den zöger­ten zu lan­ge, also schrieb ich es“, erzählt Richard Hin­richs über die Ent­ste­hung eines Wer­kes, das wei­te Tei­le der deut­schen Rei­ter­welt zum Umden­ken brach­te.

 

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