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Sabine Mosen:
So werden Remonten auf leichte Art zu Reitpferden

Um eine fai­re, art­ge­rech­te und viel­sei­ti­ge Aus­bil­dung der uns anver­trau­ten Vier­bei­ner bemüht, ori­en­tiert sich die Eco­le de Légè­re­té (EdL) an der Natur des Pfer­des. Der Respekt gegen­über dem Pferd steht ohne Wenn und Aber an ers­ter Stel­le und bil­det das Herz­stück die­ser Reit­phi­lo­so­phie. Sie zielt dar­auf ab, die Pfer­de mög­lichst lan­ge gesund und moti­viert zu hal­ten. Nur aus einer lie­be­vol­len, art­ge­rech­ten Hal­tung und Aus­bil­dung erwächst wah­re Part­ner­schaft.

Die EdL grün­det auf dem aus­gie­bi­gen Stu­di­um der Psy­che, Ver­hal­tens­leh­re, Ana­to­mie, Phy­sio­lo­gie, Bewe­gungs- und Gleich­ge­wichts­leh­re des Pfer­des und bezieht dazu neu­es­te wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se ein. So for­der­te schon Fran­çois Robichon de la Gué­ri­niè­re in „Eco­le de Cava­le­rie“ Rei­ter auf, die Natur des Pfer­des zum zen­tra­len Objekt ihrer Stu­di­en zu machen. Und Salo­mon de la Broue plä­dier­te für Fair­ness auf Basis von Frei­wil­lig­keit: „Die frei­wil­li­ge Mit­ar­beit des Pfer­des bringt mehr Annehm­lich­kei­ten mit sich als alle Mit­tel, mit denen man es zu zwin­gen sucht.“

Mehr als 50 Jah­re lang haben Phil­ip­pe Karl und sei­ne Schü­ler für die Reit­phi­lo­so­phie der Légè­re­té Meis­ter wie Xeno­phon (ca. 430–355 v. Chr.), Fia­schi (1523–1558), Broue (1530–1610), Plu­vi­nel (1555–1620), Gué­ri­niè­re (ca.1688–1751), Dupa­ty de Clam (1744–1782), Hüners­dorf (1748–1812), Frei­herr von Sind (1709–1776), Bau­cher (1796–1873), Raa­be (1811–1891), L´Hotte (1825–1904), Faverot de Ker­brech (1837–1905), Beu­dant (1863–1949), Oliveira(1925–1989), Gene­ral Durand (1931–2016) und ande­re prak­tisch und theo­re­tisch stu­diert. All die­se Meis­ter ver­tra­ten die Idea­le von Güte und Leich­tig­keit und hoben sich von Zwangs­me­tho­den ab. Die Syn­the­se all die­ses Wis­sens bil­det die Basis der EdL, wird stän­dig hin­ter­fragt, ver­fei­nert sowie bei Bedarf veri­fi­ziert.
Ähn­li­che Absichts­er­klä­run­gen ste­hen in den FN-Richt­li­ni­en Band 1 im Kapi­tel „Gedan­ken zur klas­si­schen Reit­leh­re“. Das Ziel scheint also das­sel­be. Der Aus­bil­dungs­weg unter­schei­det sich in wich­ti­gen Details, wie man im Fol­gen­den erken­nen wird. Die „Ska­la der Aus­bil­dung“ beschreibt eini­ge sinn­vol­le Zie­le. Der Trai­nings­plan der EdL weist einen zuver­läs­si­gen Weg, um die gesteck­ten Zie­le mit (fast) jedem Pferd erreich­bar zu machen.

1999 ergab eine Stu­die von Wöhlk und Bruns eine Nut­zungs­dau­er bei Tur­nier­pfer­den von 3,4 Jah­ren. Die Zah­len kön­nen nicht ver­all­ge­mei­nert wer­den, spre­chen aber den­noch für sich.
Wal­de­mar Seunig (1887–1976), der bedeu­tends­te deut­sche hip­po­lo­gi­sche Schrift­stel­ler und Schü­ler des Gene­ral von Josi­po­vich, sah die­ses Unheil bereits vor­aus:

„Das unvermeidliche Ende der sogenannten Schnelldressuren mancher Reiter, die ihren Pferden Formen und Gänge aufzwingen möchten, denen sie (noch) nicht gewachsen sind, ist der Ruin ihrer Opfer. Das Ergebnis solcher Terminarbeit kann nur ein weggerittener Gang sein, sowie ermangelnde Durchlässigkeit mit Steifungen und einem falschen Knick. Ganz abgesehen von den seelischen Schäden des Tieres.“

Ob er mit „weg­ge­rit­te­ner Gang“ das heu­te ver­mehr­te Auf­tre­ten des late­ra­li­sier­ten Schritts (Pass oder pass­ar­tig) und unna­tür­li­che Trab­be­we­gun­gen mein­te, sei dahin gestellt. Sicher ist, dass er Einer­wech­sel, als deren Erfin­der Fran­çois Bau­cher gilt, als „Pass-Galopp“ bezeich­ne­te und, da nicht der Natur abge­lauscht, als nicht klas­sisch ablehn­te. Im orga­ni­sier­ten moder­nen Reit­sport ist mei­nes Erach­tens auf­grund man­geln­den Wis­sens vie­les in Schief­la­ge gera­ten. Ohne uns „on top“ bewegt sich das Pferd in sei­nem natür­li­chen Gleich­ge­wicht: vor­hand­las­tig, mehr oder weni­ger schief. Als ener­gie­ef­fi­zi­en­tes Wesen benutzt es in Bewe­gung sei­nen Hals und Kopf als Gegen­ge­wicht (Balan­cier­stab) zum sich stän­dig ver­än­dern­den Schwer­punkt.

Das untrai­nier­te Reit­pferd wird mit dem Gewicht im Sat­tel emp­find­lich in sei­ner natür­li­chen Balan­ce gestört. Hin­zu kommt, dass Remon­ten in einer ange­mes­se­nen Deh­nung gear­bei­tet wer­den, um Ver­span­nun­gen ent­ge­gen­zu­wir­ken und um uns ohne grö­ße­re Kraft­an­stren­gung tra­gen zu kön­nen. Bei­des belas­tet die Vor­hand addi­tiv. Um Ver­let­zun­gen an Gelen­ken, Kno­chen und Seh­nen vor­zu­beu­gen muss das Zusatz­ge­wicht und die Kraft der Bewe­gungs­en­er­gie mus­ku­lär abge­fe­dert wer­den. Die jun­ge Remon­te, die sich voll im Wachs­tum befin­det, zahlt bei fal­scher Arbeit (zeit­lich zu lan­ges, zu tie­fes oder zu hohes Rei­ten, hin­ter der Senk­rech­ten rei­ten, zu hohes Tem­po usw.) den Preis.
Die Aus­bil­dung strebt also an, die Mus­ku­la­tur zur Stoß­dämp­fung und Ver­bes­se­rung des Gleich­ge­wichts auf­zu­bau­en. För­dert man dane­ben von Beginn an die Gera­de­rich­tung, ist die Balan­ce des Pfer­des ver­bes­sert und der Schwer­punkt in Rich­tung Hin­ter­hand ver­scho­ben. Nur so trai­nie­ren wir nicht ver­schlei­ßend.

Wie löst nun die EdL die­sen gor­di­schen Kno­ten? „Balan­ce vor Bewe­gung“ oder auch „Posi­ti­on vor Akti­on“ sind Grund­sät­ze der EdL, die Fran­çois Bau­cher geprägt hat. „In der Balan­ce führt der Weg zur Kunst, wie zur Leis­tung“, sag­te der heu­te viel zitier­te Udo Bür­ger. Um zu dyna­mi­scher Sta­bi­li­tät und ech­ter Schwung­ent­fal­tung (die sich nicht jeder kaufen/leisten kann) zu kom­men und das Pferd zu moti­vie­ren, bemüht sich der Rei­ter in der EdL bei allem, was er tut, um Los­ge­las­sen­heit, Balan­ce und Impul­si­on. Unter letz­te­rer ver­ste­hen wir die Reak­ti­ons­be­reit­schaft auf einen Hauch Schen­kel­druck. Die­se drei Ele­men­te sind untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den: Ohne Impul­si­on haben Ent­span­nung und Balan­ce Träg­heit zur Fol­ge. In Ver­span­nung und Ungleich­ge­wicht erzeugt, führt Impul­si­on zu Hek­tik oder gar Panik.

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Lesen Sie wei­ter in Reit­Kul­tur – Aus­ga­be Nr. 6