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Neue Serie – Indi­vi­du­ell aus­bil­den

Foto: Slawik.com

Text: Julika Taberts­ho­fer

„Es ist näm­lich unmög­lich, alle Pfer­de in ein- und der­sel­ben naht­lo­sen Abfol­ge der Lek­tio­nen aus­zu­bil­den. Daher ist es vor­zu­zie­hen, zu jenen Schul­übun­gen über­zu­ge­hen, in denen es mit­ar­bei­tet und sich meis­tern lässt. Das ist bes­ser als dar­auf zu bestehen, dass sich das Pferd unter dem Druck hef­ti­ger Kor­rek­tu­ren zu unter­wer­fen und jene Lek­tio­nen aus­zu­füh­ren hat, die es auf­grund natur­ge­ge­be­ner Schwä­chen außer­stan­de ist anzu­bie­ten.“

Reit­meis­ter Mano­el Car­los de And­ra­de, 1790

Über­le­gen Sie ein­mal vor dem Hin­ter­grund die­ses klas­si­schen Merk­sat­zes, wel­che Weis­heit die Reit­meis­ter schon vor Jahr­hun­der­ten besa­ßen – und wie dage­gen der moder­ne Rei­ter häu­fig han­delt. Es gibt heu­te so vie­le Reit­leh­ren, die sich mit der Aus­bil­dung des Pfer­des bis zur Hohen Schu­le beschäf­ti­gen. Mit dem idea­len Weg, uns ein leich­trit­ti­ges, gesun­des und schö­nes Reit­pferd her­an­zu­zie­hen. Doch die meis­ten die­ser Reit­leh­ren beschäf­ti­gen sich mit dem hin­sicht­lich Exte­ri­eur und Cha­rak­ter idea­len Pferd, sei es Warm­blü­ter oder Barock­ras­sen-Ver­tre­ter.

Auch die Meis­ter­wer­ke aus Renais­sance und Barock kann man von die­ser Regel kaum aus­neh­men, denn gera­de jene hohen Her­ren, wel­che die Pfer­de für Adel und Köni­ge aus­bil­de­ten, hat­ten das Ver­gnü­gen, sich ihre vier­bei­ni­gen Schü­ler ganz genau aus­su­chen zu kön­nen. So kamen und kom­men damals wie heu­te in vie­len Aus­bil­dungs­stäl­len nur Pfer­de mit beson­de­rer Ver­an­la­gung unter den Sat­tel, um die Aus­bil­dung nicht zu schwie­rig und lang­wie­rig zu gestal­ten.

Nun haben wir Freun­de der Aka­de­mi­schen oder gene­rell der klas­si­schen Reit­kunst eher sel­ten das Glück, ein Bewe­gungs­ta­lent aus­zu­bil­den, das noch dazu sanft und leis­tungs­be­reit ist. Rei­ter ohne Tur­nier­am­bi­tio­nen schaf­fen sich sehr oft ein Pferd an, weil der Fun­ke über­springt. Die beson­de­re Ver­bin­dung und Lie­be zu die­sem Pferd ist uns wich­ti­ger als sein kor­rek­tes Gebäu­de. Das ist es auch, was unse­re heu­ti­ge Zeit so beson­ders macht: Wir wäh­len unse­ren Part­ner Pferd mit dem Her­zen und legen den Fokus auf Zunei­gung und Freu­de statt auf blo­ße Ver­nunft oder Funk­tio­na­li­tät.

Foto: Celi­ne Rieck

Individualität in der Pferdeausbildung

Das ist schön und rela­tiv neu in der lan­gen Pferd-Mensch-Geschich­te, bringt aber auch eini­ge Schwie­rig­kei­ten mit sich. Um uns gut tra­gen zu kön­nen, ohne dabei selbst Scha­den zu neh­men, braucht unser Frei­zeit­part­ner näm­lich eine eben­so gute (eher noch bes­se­re und gründ­li­che­re) Aus­bil­dung als die Königs­pfer­de vor ein paar hun­dert Jah­ren.

Nun haben wir also kein soge­nann­tes Lehr­buch­pferd, und vie­le Theo­rie-Anlei­tun­gen hel­fen uns mit einem Pferd, wel­ches sich anders ver­hält als eben jenes Lehr­buch­pferd nicht oder nur begrenzt wei­ter. Ich selbst besit­ze so ein nicht-lehr­buch­kon­for­mes, mit dem Her­zen aus­ge­wähl­tes Pferd: ein Quar­ter-Hor­se mit sämt­li­chen ras­se­be­ding­ten Exte­ri­eur-Schwie­rig­kei­ten. So habe ich schon früh erkannt, dass Indi­vi­dua­li­tät in der Pfer­de­aus­bil­dung das obers­te Gebot ist. Es gibt daher nur eine Stan­dard­ant­wort, wenn mich mei­ne Schü­ler nach Patent­re­zep­ten fra­gen. Sie lau­tet: „Das kommt ganz auf dein Pferd an.“

Grundidee der ReitKultur Serie

„So macht man es sich auch leicht“, mögen eini­ge da sagen, aber es ist nun ein­mal wahr, und es macht Pfer­de­aus­bil­dung so span­nend und abwechs­lungs­reich: Jedes Pferd ist ein neu­es Pro­jekt, das in sei­ner Aus­bil­dung sei­nen ganz spe­zi­el­len, ein­zig­ar­ti­gen Weg gehen wird und uns zu immer neu­en Über­ra­schun­gen und Erkennt­nis­sen füh­ren kann.

´So ent­stand die Idee für die­se Reit­Kul­tur-Serie: Bent Brand­e­r­up, der däni­sche Reit­meis­ter und Begrün­der der Aka­de­mi­schen Reit­kunst, erzählt oft, dass sei­ne eige­nen Pfer­de die unter­schied­lichs­ten, teil­wei­se erst im Zuge ihrer Aus­bil­dung ent­stan­de­nen, Wege und Übun­gen brauch­ten.

alten Reitmeister mit modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen

So trug jedes sei­ner Pfer­de zur Ent­wick­lung der Aka­de­mi­schen Reit­kunst bei; zu einem Aus­bil­dungs­sys­tem, dass die Leh­ren und Erfah­run­gen der alten Reit­meis­ter mit moderns­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen ver­knüpft. Es wur­den dabei etwa Übun­gen wie die Schul­pa­ra­de wie­der­ent­deckt, die für die alten Meis­ter eine Selbst­ver­ständ­lich­keit war. Das Wis­sen dar­über ging aber über die Jahr­hun­der­te ver­lo­ren und muss­te mit­hil­fe vie­ler Expe­ri­men­te wie­der aus­ge­gra­ben wer­den.

Ich beschloss daher, eine Serie zu Bent Brand­e­rups Pfer­den zu ver­fas­sen, zu ihren Beson­der­hei­ten, ihren Schwie­rig­kei­ten und dem sich dar­aus erge­ben­den Aus­bil­dungs­weg. Jeder Rei­ter wird ver­mut­lich sein eige­nes Pferd oder eini­ge Her­aus­for­de­run­gen in die­sen fünf Pfer­de­ty­pen wie­der­fin­den kön­nen – und so Tipps und Inspi­ra­tio­nen für sei­nen ganz spe­zi­el­len Aus­bil­dungs­weg mit­neh­men kön­nen. Wir begin­nen heu­te mit Tyson.

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Lesen Sie wei­ter in Reit­Kul­tur – Aus­ga­be Nr. 6