Die Pferd-Mensch-Beziehung

 

zwi­schen prag­ma­ti­schem Respekt und dem Geschäfts­mo­dell Domi­nanz

Foto: Chris­tia­ne Sla­wik

„Aus bedingungsloser Anpassung an das Pferd erwächst maximale Einwirkung – physisch wie psychisch“
Eberhard Weiß

Pfer­de mit Tricks gefü­gig machen, ohne sich auf sie ein­zu­stel­len – die­ses lächer­li­che Domi­nanz­thea­ter greift zu kurz, weil Pfer­de sol­che Spiel­chen durch­schau­en. Und es ist ganz und nicht klas­sisch, fin­det Eber­hard Weiß, für den die Sym­bio­se zwi­schen Mensch und Pferd eines der höchs­ten Kul­tur­gü­ter ist.

Aus einer Zeit kom­mend, in der das Pferd als Arbeits­tier ein Part­ner im täg­li­chen Leben des Men­schen war,betrachte ich die Ent­wick­lung in der Pfer­de­welt immer mit etwas kri­ti­schen Augen. Auf der einen Sei­te stand in der Ära des Arbeits­tiers und Part­ners die Not­wen­dig­keit, dass Pferd und Mensch unbe­dingt funk­tio­nie­ren und Höchst­leis­tung brin­gen muss­ten. Der Weg dort­hin ver­lang­te – um einen Stall­spruch aus der alten Kaval­le­rie zu zitie­ren: „Willst du vom Pfer­de gehor­sam ver­lan­gen, musst du es mit Lie­be und Güte anfan­gen“ – einen prag­ma­ti­schen, distan­zier­ten und respekt­vol­len Umgang für bei­de Part­ner und for­der­te damit von Pferd und Mensch, auf­ein­an­der zuzu­ge­hen.

Auf der ande­ren Sei­te steht das Geschäfts­mo­dell Domi­nanz, in dem mit Tricks dem Men­schen ver­meint­lich wirk­sa­me Metho­den gezeigt wer­den, das Pferd ihm gefü­gig zu machen, ohne sich auf das Pferd ein­stel­len zu müs­sen. Zu die­sem Geschäfts­mo­dell gehört es, dass man dem Men­schen das Gefühl ein­re­det, er domi­nie­re das Pferd, sei also erha­ben.

Kulturleistungen

Die Bezie­hung zwi­schen Pferd und Mensch ist eine der größ­ten Kul­tur­leis­tun­gen der Mensch­heit, ins­be­son­de­re des Abend­lan­des. Und sie drückt sich nir­gends bes­ser aus als in dem berühm­ten Goe­the-Wort, das er in der Uni­ver­si­täts­reit­schu­le in Göt­tin­gen gespro­chen hat:

„Eine wohl­be­stell­te Reit­bahn hat immer etwas Impo­san­tes; das Pferd steht als Tier sehr hoch, doch sei­ne bedeu­ten­de, weit­rei­chen­de Intel­li­genz wird auf eine wun­der­sa­me Wei­se durch gebun­de­ne Extre­mi­tä­ten beschränkt. Ein Geschöpf, das bei so bedeu­ten­den, ja gro­ßen Eigen­schaf­ten sich nur im Tre­ten, Lau­fen, Ren­nen zu äußern ver­mag, ist ein selt­sa­mer Gegen­stand für die Betrach­tung, ja, man über­zeugt sich bei­na­he, dass es nur zum Organ des Men­schen geschaf­fen sei, um Gesell zu höhe­rem Sin­ne und Zwe­cke, das Kräf­tigs­te wie das Anmu­tigs­te bis zum Unmög­li­chen aus­zu­rich­ten. War­um denn auch eine Reit­bahn so wohl­tä­tig auf den Ver­stän­di­gen wirkt, ist, dass man hier, viel­leicht ein­zig in der Welt, die zweck­mä­ßi­ge Beschrän­kung der Tat, die Ver­ban­nung aller Will­kür, ja des Zufalls mit Augen schaut und mit dem Geis­te begreift. Mensch und Tier ver­schmel­zen hier Der­ge­stalt in eins, dass man nicht zu sagen wüss­te, wer denn eigent­lich den ande­ren erzieht.“
Johann Wolf­gang von Goe­the

Die­se Wor­te sprach Goe­the in der Reit­bahn der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen, die vom Uni­ver­si­täts­stall­meis­ter Gott­fried Ayrer gelei­tet wur­de. Zu jener Zeit stand der Uni­ver­si­täts­stall­meis­ter in der Hier­ar­chie der Uni­ver­si­tät noch zwi­schen den ordent­li­chen und den außer­or­dent­li­chen Pro­fes­so­ren. Man mag also die Bedeu­tung erah­nen, die dem Leh­rer von Pferd und Mensch damals zukam.

Immer wie­der tau­chen in die­ser jahr­tau­sen­de alten Sym­bio­se von Mensch und Pferd Begrif­fe wie Ver­trau­en, Har­mo­nie, Los­ge­las­sen­heit und auch die lite­ra­ri­sche Poe­sie auf. Einer der erfolg­reichs­ten Spring­rei­ter der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts, der US-Ame­ri­ka­ner Geor­ge Mor­ris, drück­te das in der moder­nen Pfer­de­welt mit sei­nen Wor­ten so aus:

„Die Lie­be zum Pferd unter­schei­det in der geheim­nis­vol­len Welt des Pfer­des die Gro­ßen von den weni­ger Gro­ßen.“
Geor­ge Mor­ris

In der Bezie­hung von Pferd und Mensch steht zu aller­erst ein­mal der Kör­per­kon­takt zwi­schen die­sen bei­den Wesen. Ein jun­ges Pferd wird sich nicht gleich von einem Men­schen berüh­ren las­sen ganz ohne wei­te­res. Und mein ers­tes Anlie­gen als Mensch ist es, über­haupt die­ses Berüh­ren, die­sen Kör­per­kon­takt her­zu­stel­len….

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Lesen Sie wei­ter in Reit­Kul­tur – Aus­ga­be Nr. 7